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Johann von Helmstedt

Authentizität - Wie weit gehen wir bei den Freien Ostfälischen Rittern.

Nun das ist eine schwierig zu beantwortende Frage, an der sich schon so manche Mittelaltergruppen aufgerieben haben. Selbstverständlich haben Plastikflaschen, Feuerzeuge und andere „neuzeitlichen“ Dinge während der Besuchszeiten nichts im Blickwinkel der Besucher zu suchen. Auch bei unseren Handwerksdarstellungen haben Werkzeuge mit Kunststoffgriffen oder ähnlichem nicht in Erscheinung zu treten.

Was ist „Authentisch“?

Wikipedia: Eigenschaft einer Sache, Person oder Organisation, authentisch (auf Echtheit geprüft, zuverlässig) zu sein.

Duden: beglaubigt, belegt, dokumentiert, echt, gesichert, glaubwürdig, sicher, ungeschönt, unverfälscht, verbürgt, verlässlich, wahr, zuverlässig

Versuchen wir mal zu erklären:

Hinsichtlich einer Mittelalter-Darstellung heißt dies: „So hat es damals ausgesehen; könnte wahrscheinlich so gewesen sein, wurde so angefertigt oder wurde etwas getan!“ 

Woher weiß man das?

Namhafte Archäologen und Wissenschaftler wollen uns ein Bild vom Mittelalter machen und vermitteln, wie es damals gewesen sein könnte. Auch die experimentelle Archäologie hilft dabei etwas Licht ins Dunkel zu bringen. Aber immer nur näherungsweise und teils spekulativ. Jahrzehnte lang geltende Lehrmeinungen, sind nach neuen Funden und Erkenntnissen, nicht selten widerlegt und plötzlich null und nichtig.

Wollte man das höchstmögliche an „Authentizität realisieren, dann wäre der Aufwand extrem höher und schwer zu erfüllen. Eine Gewandung z. B. müsste dann aus Stoff von handgesponnener Wolle, der auf einem Webrahmen hergestellt wurde, gefertigt werden. Zudem dürfte diese nur mit einem handgesponnenen Faden mit einer Nadel aus Bronze, Horn oder Knochen zusammengenäht werden. Hierbei dürften dann auch nur Stiche benutzt werden, die an Fundstücken aus dieser Zeit verwendet wurden. Die Schnittmuster müssen den Funden, Bildern und Beschreibungen aus dem Mittelalter entsprechen. Dieses Beispiel lässt sich für andere Ausrüstungsgegenstände, Kleidungsstücke, usw. endlos weiterführen. Auch die Sprache ist eine andere gewesen, die heute keiner verstehen würde, die aber zu einer „hochanspruchsvollen authentischen Darstellung“ gehören müsste.

Nur die wenigsten haben die Möglichkeiten und Zeit diese Ansprüche zu erfüllen. Sei es auch in handwerklicher oder/und finanzieller Hinsicht.

Handschriften, Zeichnungen und Funde aus dem Mittelalter sollen uns dabei helfen die Vergangenheit und unsere Vorfahren zu verstehen. Wie hat man gelebt, wie hat man etwas getan oder angefertigt.  Leider ist hier ein gewisser Spielraum der damaligen Autoren und Maler hinsichtlich Interpretationen und Genauigkeiten gegeben. Die Tatsache einer verfälschten Wiedergabe ist somit nicht selten. Auch der damalige Auftraggeber der Niederschrift oder eines Bildes, hat nicht selten eine „Schönung“  mit beauftragt. Hinzu kommt, dass man weiß, dass ein sehr hoher Prozentsatz an Urkunden gefälscht worden ist. Zu allem hinzu kommt der Auslegungsspielraum durch unser eigenes heutiges (Un-)Verständnis. Die wenigen Quellen, umfassen leider nur einen sehr geringen Prozentsatz des Informationsmaterials welches wir vom Mittelalter haben.

Frage: Wie authentisch ist Authentizität?

Was ist also so eine Grundlage wert, wenn diese Quellen eine erhebliche Ungenauigkeit beinhalten, die eine Authentizität erzeugen sollen? Wie authentisch kann dann letztendlich eine heutige Darstellung oder  ein nachgefertigter Gegenstand des Mittelalters sein?

Interpretierte Herstellungsmethoden, das heutige Fehlen der damaligen Fertigkeiten bzw. Kenntnisse und wie diese wann und wie angewandt wurden, lassen uns nur „VERMUTEN, WIE ES GEWESEN SEIN KÖNNTE!“ 

 

Nun zu den Freien Ostfälischen Rittern:

Wir betreiben die Darstellung des  Mittelalters  in unserer Freizeit als Hobby.  Es wird versucht anhand der zur Verfügung stehenden Informationsquellen, Materialien und finanziellen Mittel, eine

„annähernde Authentizität in Verhältnismäßigkeit zum Aufwand“

zu erzeugen. Auch der Faktor Zeit spielt für das Hobby Mittelalter eine große Rolle, da jedes Mitglied noch ein „neuzeitliches“ Berufs- und Familienleben mit allen Pflichten in der Gegenwart führt. Einige sind in Schichtarbeit tätig oder müssen auch am Samstag arbeiten. Somit sind die Mitglieder sehr unterschiedlich in der Lage, ihre Ausrüstung zu optimieren und zu vervollständigen. Nicht jeder kann es einrichten, immer an allen Veranstaltungen und Aktivitäten teilzunehmen. Anfänger erhalten selbstverständlich einen ausreichenden Entwicklungsspielraum.  Jedes Mitglied gestaltet daher seine Darstellung und Ausrüstung so, wie es seine Möglichkeiten zulassen. Unsere Vereinsmitglieder können sich innerhalb des Rahmens von 900 bis 1300 n. Chr. auf einen Zeitpunkt ihrer Darstellung festlegen. Auf Wunsch des Veranstalters können wir die unterschiedlichen Epochen der Mitglieder, durch Zeittafeln kennzeichnen. Wir sind keine Wissenschaftler, Archäologen, Professoren, Gelehrte oder Millionäre. Daher geben wir  uns einen gewissen Handlungsspielraum für Kompromisse* hinsichtlich der Darstellung und Ausrüstung. Unser Verein und somit jedes einzelne Mitglied ist bestrebt, sich im Rahmen seiner Möglichkeiten weiter zu entwickeln. Hierzu werden Quellen wie Literatur, das Internet, Veröffentlichungen, Zeitschriften und wissenschaftliche Publikationen genutzt. Auch werden zum Teil auch gemeinsam Ausstellungen und Museen zum Thema Mittelalter besucht. Einzelne Mitglieder nehmen je nach mittelalterlichem Interessensgebiet an Kursen und Schulungen z. B. an Museen oder Volkshochschulen teil. Der Besuch von Vorträgen durch Geschichtswissenschaftler und Archäologen stößt bei uns auf Reges Interesse. Nach und nach wird die Vereinsausrüstung natürlich erweitert und verbessert.

*= Beispiele zu Kompromissen:

maschinengenähte Zelte, maschinengewebte Stoffe, ein Hammer mit Holzstiel aus dem Baumarkt, Gebrauchsgeschirr in mittelalterlicher Form aus elektrischen bzw. gasbetriebenen Brennöfen, gekaufte Gewandungen, die es „wahrscheinlich“ nach Funden, Beschreibungen oder Bildern im Mittelalter gegeben hat. Gummisohlen unter den Schuhen sind aus Sicherheitsgründen und Haltbarkeit erlaubt. Neulingen gegenüber wird toleriert, dass diese anfänglich auch mit „Sandalen“ herum laufen dürfen. Eine neuzeitliche Brille darf selbstverständlich getragen werden.

Aus brandschutztechnischen Gründen verwenden wir eine Metallschale für unser Lagerfeuer, u. v. m.

Bei Werkzeugen aus dem Baumarkt, die in ähnlicher Weise zur Zeit des Mittelalters belegt waren, sind die Plastikgriffe zu entfernen. Bei Feilen und Hammer zum Beispiel dürfen nur Holzgriffe montiert sein.

Wer sich seine Gewandung selber fertigt, kann diese mit der Nähmaschine zusammennähen. Die sichtbaren Nähte können zusätzlich mit einer Handnaht überarbeitet werden.

Das sind nur Beispiele die in der Praxis angewendet werden, die wiederspiegeln sollen, auf welcher Basis wir unsere Darstellungen bei den Freien Ostfälischen Rittern betreiben.

Wer sich mit den Freien Ostfälischen Rittern einlassen möchte, weiß nun wie wir es mit der „Authentizität“ halten. Wem dies zu wenig ist, kann es ja sich und anderen beweisen, es besser zu machen. Gerne schauen wir uns dann mal die Ergebnisse kritisch an, um ggf. daraus zu lernen und Erkenntnisse zu gewinnen. Viele Vereine und Gruppen brüsten sich mit der höchstmöglichen Authentizität, sagen aber inhaltlich nichts zu dem wie diese umgesetzt wird und wie weit diese bei ihnen geht.

Wem es reicht, wie wir unsere „Authentizität“ leben und gerne in das Hobby Mittelalter einsteigen  möchte, ist herzlich willkommen bei uns im Verein mitzumachen!

Der Vorstand und die Mitglieder der Freie Ostfälische Ritter